Jugendschutz

    • Jugendschutz

      (Der nachfolgende Text wurde für ein Video geschrieben, das ich nie realisiert habe. Wäre aber sicher gut geworden, daher will ich ihn euch an dieser Stelle nicht vorenthalten. Rechtschreibfehler können allerdings vorhanden sein, da ich das Skript nur für mich geschrieben habe... und das alles richtig zu formatieren ist mir jetzt auch zu stressig, also entschuldigt die vielen Leerzeilen)


      In meinem letzten Vortrag habe ich mich mit dem Terror der Tugendwächter und Moralapostel befasst, die ihre Moral- und Wertevorstellung für alle zur Pflicht machen wollen, und das notfalls auch mit Hilfe staatlicher Gewalt.

      Ein besonders beliebtes Steckenpferd der Moralapostel will ich in dieser Folge einmal genauer unter die Lupe nehmen… nämlich den sogenannten „Jugendschutz“.

      Der dahintersteckende Gedankengang der Moralapostel ist der, dass junge Menschen zu unerfahren und naiv sind, um bestimmte Dinge wissen zu können, die älteren Menschen am Tag ihres achtzehnten Geburtstags plötzlich klar werden, weil an diesem Tag dann der heilige Geist in sie einfährt oder irgendsowas… keine Ahnung, ich hab das selber noch nicht so richtig verstanden.

      Weil die Minderjährigen also so vieles nicht wissen, muss man ihnen viele Erfahrungen, Gedanken und künstlerische Erzeugnisse vorenthalten, bis sie irgendwann reif genug sind, um damit angemessen umgehen zu können.

      Das muss man sich mal richtig auf der Zunge zergehen lassen…

      Weil gewisse Menschen tendenziell unerfahren sind, will man verhindern, dass sie zu viele Erfahrungen sammeln können, weil darunter ja auch schlechte Erfahrungen sein könnten.

      Das Problem, dass ich bei der Sache habe, ist nur:

      Wenn man alle möglichen Erfahrungen von vornherein durch einen Filter jagt, so dass nur die positiven und angeblich pädagogisch wertvollen bei den jungen Menschen ankommen, dann reift der Mensch nicht mal halb so schnell, wie er reifen würde, wenn er auch negativen und unter umständen schockierenden Erfahrungen ausgesetzt wäre.

      Um es ein bisschen klarer zu machen, worauf ich hinaus will, möchte ich an dieser Stelle mal das altbekannte Beispiel mit der heißen Herdplatte bemühen.

      Natürlich wollen Eltern nicht, dass sich ihr Kind die Finger an der heißen Herdplatte verbrennt, daher werden sie bestimmte Schutzmaßnahmen ergreifen und das Kind ordentlich anbrüllen, falls es dem Herd zu nahe kommt, damit es aus diesem Schreck etwas lernt.

      Die Frage ist nur, wie lang die Eltern dieses Spiel eigentlich treiben wollen…

      Kann man ein dreijähriges Kind schon unbeaufsichtigt in der Küche lassen?

      Oder erst, wenn es fünf ist? Oder vielleicht erst mit zehn? Oder mit zwölf?

      Ich verrate euch, ab wann man ein Kind allein in der Küche lassen kann, ohne dass man Angst haben muss, dass irgendetwas passiert:

      Sobald es sich einmal an der heißen Herdplatte oder sonstwo ordentlich die Finger verbrannt hat.

      Von da an wird das Kind nämlich vorsichtig sein, und auch ganz ohne mahnende Worte der Eltern wissen, wie man sich in Gegenwart von heißen Herdplatten zu verhalten hat.

      Übertriebener Schutz verhindert diese Erfahrung, und verhindert so auch die aus dieser Erfahrung resultierenden Erkenntnisse.

      Mehr noch: Übertriebener Schutz führt nicht selten sogar zum Gegenteil des beabsichtigten Resultats.

      Gib einem Sechsjährigen eine Zigarette und lass ihn mal einen tiefen Zug nehmen… die Wahrscheinlichkeit ist recht groß, dass er durch diese Erfahrung so schnell keine Lust mehr hat, nochmals eine zu rauchen. Bei mir hat das jedenfalls damals ganz gut funktioniert.

      Halte Zigaretten hingegen von dem jungen Menschen fern und verbiete sie ihm kategorisch, dann wird er irgendwann heimlich, wenn er zwölf oder dreizehn ist, mit seinen Kumpels rauchen, es furchtbar cool und rebellisch finden und vielleicht dadurch erst recht in die Abhängigkeit rutschen.

      Erfahrungen, die früh gemacht werden, können also unter Umständen auch einen positiveren Effekt auf die weitere Entwicklung haben, als wenn man diese erst zu einem viel späteren Zeitpunkt macht.

      So, dass nur mal vorweg als kleiner Denkanstoß, dass übetriebene Vorsicht schnell auch mal nach hinten losgehen kann.

      Doch eigentlich geht es mir bei meiner Kritik am Jugendschutz nicht um Herdplatten, Zigaretten oder Schnaps.

      Mir geht es vielmehr um die Freiheit der Kunst. Um Gedanken… um Fantasie… um Ideen, die ganz bewusst von jungen Menschen ferngehalten werden sollen.

      Im Namen des Jugendschutzes soll verhindert werden, dass junge Menschen zu früh Zugang zu gewalthaltigen Computerspielen bekommen, zu Filmen, Musik oder Büchern, deren Aussage nach Meinung der Jugendschützer von den jungen Menschen nicht verkraftet werden würde.

      Will man sich wirklich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzen, welchen Einfluss Kunst auf die Entwicklung von jungen Menschen hat, dann sollte man sich erstmal von dem vorsintflutlichen Denken unserer Vorfahren verabschieden, dass die Kunst ein gefährlicher Virus ist, der die unschuldigen jungen Menschen befällt und deren Charakter versaut.

      Leider gibt es, entgegen allen ernsthaften wissenschaftlichen Erkenntnissen, auch heute noch jede Menge unwissender Dummschwätzer, die ernsthaft daran glauben, dass Kinder und Jugendliche durch den Konsum von Spielen und Kunstwerken, die nicht für ihr Alter freigegeben wurden, schwere psychische Schaden erleiden können.

      Auch wenn diese Unwissenden dieses Video vermutlich eh niemals sehen werden, weil sie in ihrem fanatischen Hass auf alles, was von ihren eigenen Moralvorstellungen abweicht, vollkommen beratungsresistent sind, will ich an dieser Stelle doch noch einmal kurz eine Sache richtigstellen:

      Nicht die Kunst bestimmt, wie sich der Charakter eines Menschen entwickelt… sondern der Charakter eines Menschen entscheidet darüber, zu welchen Formen von Kunst er sich hingezogen fühlt.

      Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich ein Amokläufer auch für Filme und Spiele interessiert, in denen es ums Schießen und Töten geht.

      Logisch. Genauso wie die Wahrscheinlichkeit, auf der Festplatte eines Homosexuellen einen Schwulenporno zu finden, ungleich höher sein dürfte, als auf der Festplatte eines überzeugten Heteros.

      Aber daraus im Umkehrschluss zu schließen, dass ihn das ständige Betrachten dieses Pornofilms schwul gemacht haben muss, wäre genauso realitätsfern und irrsinnig wie die Annahme, dass man durch das exzessive Spielen eines Egoshooters zum gewalttätigen Psychopathen wird.

      Ich glaube auch nicht, dass sich das bei sehr jungen Menschen in irgendeiner Weise anders verhält… Angenommen, da ist ein typisches Mädchen, das gern mit Puppen spielt und sich für Pferde interessiert.

      Der könntest du noch so oft Rambo vorspielen… die würde dadurch nicht zur militanten Waffennärrin werden, sondern sie würde sich beim Betrachten des Films nur langweilen oder sich unwohl fühlen.

      Wo kein grundsätzliches Interesse und keine Vorprägung da ist, wird auch keine übermäßige Identifikation mit den Inhalten stattfinden.

      Genauso, wie wenn du einem Kind einen Porno zeigst.

      So lange es noch kein Interesse an Sexualität hat, wird es die Vorgänge dort überhaupt nicht richtig wahrnehmen, und wird es daher auch nicht im Geringsten als erregend empfinden, nackte erwachsene Menschen aufeinander rumhüpfen zu sehen.

      Erst, wenn wir bestimmte Bedürfnisse bereits selbst empfinden, können pornografische Erzeugnisse ihre Wirkung auf uns entfalten.

      Daher ist es einfach nur verlogen, wenn nun die selbsternannten Jugendschützer behaupten, man müsse verhindern, dass junge Menschen mit Pornos in Kontakt kommen, weil sie andernfalls schwere Schäden an ihrer sexuellen Entwicklung erleiden würden.

      Klar, die heutige Generation ist total sexbesessen… aber dafür die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Pornografie verantwortlich zu machen, ist einfach nur albern. Auch Bauanleitungen für Modelleisenbahnen sind überall im Netz frei verfügbar, ohne dass deshalb eine Generation von Modelleisenbahnfanatikern herangezüchtet worden wäre.

      Was die jungen Menschen so sehr an allem Sexuellen fasziniert, ist doch nicht zuletzt gerade dieses Tabu… dass die Erwachsenen alles, was irgendwie mit Sexualität zusammenhängt, vor ihnen geheimhalten wollen und ein riesen Drama draus machen.

      Daran sieht man doch mal wieder schön, wie die gutgemeinte Idee mit dem Jugendschutz komplett nach hinten losgehen kann…

      Die Erwachsenen versuchen, die Kinder von bestimmten Dingen fernzuhalten, indem sie ihnen sagen: „Das ist nichts für euch. Das ist nur was für Erwachsene.“

      Doch die Kids wollen natürlich alle auch möglichst schnell erwachsen sein und mitreden können…und so werden sie sich nun erst recht für Sex interessieren, und möglicherweise noch viel exzessiver, als sie es ohne den erhobenen Zeigefinger der Erwachsenen getan hätten.

      Man sollte ja eigentlich meinen, nach all den Erfahrungen der Vergangenheit, nicht zuletzt auch aus ihrer eigenen Jugendzeit, sollte inzwischen allen Erwachsenen klar sein, dass die verbotenen Früchte meistens die interessantesten sind… erst recht, wenn sie sich hinterher im Auge des jungen Menschen als harmlos herausstellen, was dann erst recht dazu führt, dass man die Erwachsenen und deren Verbote zukünftig nicht mehr ernst nimmt.

      Zumindest sollte es den Erwachsenen aber mal zu denken geben, was in der Vergangenheit so alles als „jugendgefährdend“ bezeichnet worden ist. Darunter manches, was heutzutage als wertvolles Kulturgut gilt und sogar an den Schulen unterrichtet wird.

      Die Leiden des jungen Werthers, beispielsweise, stand damals in der Kritik, weil das Buch angeblich labile junge Menschen zum Selbstmord anstiften würde.

      Oder nehmen wir mal den Videospielklassiker River Raid, der auf den Index kam, weil das damals von einigen Gutmenschen als Kriegsverherrlichung angesehen wurde.

      Heute wären die Gutmenschen vermutlich froh, wenn ihre Kinder sich in ihrer Freizeit mit solchen friedlichen, abstrakten Pixel-Spielen beschäftigen würden.

      Wenn man sich mal überlegt, dass das allermeiste, was irgendwann einmal mit Hinweise auf den Jugendschutz verboten wurde, meist schon ein oder zwei Generationen später als ganz normales Kulturgut gilt, das niemanden mehr aufregt und in keinster Weise als gefährlich eingestuft wird… dann müsste einem doch irgendwann mal ein Licht aufgehen.

      Es ist nicht die Jugend, die ein Problem damit hat, bestimmte Kunstformen oder Darstellungen angemessen einzuordnen und psychisch zu verarbeiten… es sind die Alten.

      Die Alten kommen nicht damit klar, dass sich die Welt weiterdreht, und dass neue Menschen auch immer neue Gedanken und Wertvorstellungen mit in diese Welt bringen werden.

      Denn die Alten, die in unserer Welt das Sagen haben, fürchten sich vor neuen Gedanken… sie verteufeln sie als unmoralisch, als asozial, oder als gemeingefährlich… aber letztlich sehen sie einfach nur ihre Felle davonschwimmen und versuchen, zu retten, was zu retten ist, indem sie irgendwelche Dinge verbieten und hoffen, dass es irgendetwas nützt.

      Weil sie sich auch einfach nicht vorstellen können, dass das noch normal ist, für was sich die jungen Menschen von heute interessieren.

      Und die jungen Menschen von heute werden irgendwann, wenn sie selber Kinder haben, vermutlich das gleiche über die Interessen und die Kunst- und Ausdrucksformen der nächsten Generation sagen.

      Kommt mir irgendwie so vor, wie ein Hund, der seinen eigenen Schwanz jagt, bis er irgendwann vor Erschöpfung tot umfällt und sich das mit dem Schwanzwedeln von alleine erledigt hat.

      So gesehen dient das, was sie heutzutage „Jugendschutz“ nennen, eigentlich weniger dazu, junge Menschen vor gefährlichen Einflüssen aus der Erwachsenenwelt zu schützen, sondern eher dazu, die Erwachsenenwelt vor dem gefährlichen Einfluss der Jugend und deren Bedürfnissen zu schützen.

      Es ist ein hoffnungsloser Kampf, der auf beiden Seiten nur unnötig Stress verursacht. Besser wäre, man würde es einfach mal akzeptieren, dass sich die Zeit weiterdreht, und nicht ständig künstlich versuchen, durch Verbote oder Zensurmaßnahmen in die geistige Evolution der Menschheit einzugreifen.

      Eine ganz andere Frage ist, warum junge Menschen sich bei all den Unterhaltungsmöglichkeiten, die es heute gibt, gerade in so großem Maße zu Sex- und Gewalthaltiger Kunst hingezogen fühlen.

      Das mit dem Sex habe ich ja bereits angesprochen…

      Seit unzähligen Generationen wird den religiös dogmatisierten Menschen vorgeschrieben, dass Sexualität etwas Schmutziges ist, für das man sich schämen muss, und das man nur heimlich im stillen Kämmerlein ausleben darf.

      Generationen von Eltern haben das so unbewusst auch an ihre Kinder weitergegeben… anstatt sie vernünftig aufzuklären und darauf hinzuweisen, wie man richtig verhütet, haben sie ihrem Nachwuchs einfach verboten, bestimmte Erfahrungen schon in jungen Jahren zu machen.

      Doch der Versuch, alles unter den Teppich zu kehren, ist spätestens im Zeitalter unbegrenzter Kommunikationsmöglichkeiten zum Scheitern verurteilt… was zwangsläufig zu einer Gegenreaktion auf die prüde Haltung der Erwachsenen führen muss. Und diese Gegenreaktion ist nunmal eine Art von Übersexualisierung… eine Überbewertung von einem eigentlich ganz banalen biologischen Vorgang. Also gewissermaßen das andere Extrem. Ich bin davon überzeugt, dass sich das alles irgendwann in der Mitte einpendeln wird… zumindest, sofern man nicht weiterhin von außen eingreift und das natürliche einpendeln durch bürokratische Maßnahmen zu verhindern versucht.

      Bleibt noch die Frage zu klären, warum sich junge Menschen so sehr für gewalthaltige Actionspiele interessieren, für blutige Horrorfilme und Musik mit aggressiven Texten.

      Ich kann schon verstehen, dass manche die in anderen, beschaulicheren Zeiten aufgewachsen sind, da nur den Kopf schütteln und sich fragen: Muss das denn wirklich sein?

      Und trotzdem kann ich darauf leider nur entgegnen:

      Ja, es muss.

      Je steriler die Zeiten sind, je klinisch sauberer und gleichgeschalteter eine Gesellschaft ist, umso stärker wächst in ihr die Sehnsucht nach Dreck, nach Blut, nach echten Abenteuern, und nach einer Welt, in der der Einzelne seine Interessen noch alleine durchsetzen kann.

      Der Versuch der Alten, alles zu reglementieren und die Menschen notfalls mit Gewalt dazu zu zwingen, das Leben eines ohnmächtigen Schafes zu führen, steigert die Sehnsucht der jungen Leute nach Welten, in denen andere Gesetze gelten.

      Denn der Mensch ist nicht zum Schafsein geboren. Doch in unserer Kultur ist es, dank Christentum und dem daraus entstandenen Gutmenschentum, zum Ideal geworden, schwach zu sein, sich anzupassen und unterzuordnen… ja, sich am besten gleich noch für seine Gedanken zu entschuldigen, sobald man mal etwas denkt oder gar ausspricht, was nicht dem politisch korrekten Zeitgeist entspricht.

      Es ist eine extreme Perversion entstanden…

      Eine Welt, die sich so sehr vor dem Menschsein fürchtet, dass die Menschen nicht mehr Mensch sein dürfen.

      Diese Welt schreit doch geradezu danach, dass man aus ihr ausbüchst und sich, zumindest in der Fantasie, in das andere Extrem flüchtet… in die Glorifizierung eines Daseins, in dem nicht länger die angepassten, zahnlosen Schafe das Sagen haben, sondern die Furchtlosen, die wehrhaften stolzen Wölfe, die sich nicht anpassen wollen.

      Auch hier liegt die Wahrheit wohl zwischen den beiden Extremen. Doch wie sollen junge Menschen jemals zu dieser Wahrheit finden, so lange man es nicht zulässt, dass sie sich auch ausgiebig mit dunklen, destruktiven Gedanken, mit ihren Ängsten und dem Tod auseinandersetzen?

      Eine gesunde Persönlichkeit besteht immer aus beidem… aus Licht und Schatten. Nur wo beides im Einklang ist, kann der Mensch sein gesamtes Potential entfalten. Jugendschutz ist der Versuch, den jungen Menschen in einer Phase, wo er am meisten aufnehmen kann, von bestimmten Erfahrungen kategorisch abzuschneiden.

      Doch auch hier gilt eben das Sprichwort, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

      Wer nicht schon in seiner Jugend gelernt hat, zumindest ein bisschen wie ein mutiger, stolzer Krieger zu fühlen, der wird höchstwahrscheinlich auch als Erwachsener ängstlich und überangepasst sein. Und genau daran krankt unsere Gesellschaft heutzutage… an diesen angstgesteuerten, überangepassten Opfern und Gutmenschen, die sich bei jedem kleinen Problem sofort heulend an den Rockzipfel von Vater Staat hängen, weil sie längst verlernt haben, für ihr eigenes Leben selbst die Verantwortung zu tragen.

      Wenn wir also wollen, dass die Menschen nicht mehr und mehr der Zivilisationsverblödung anheimfallen, müssen wir Alternativen für junge Menschen bieten, um sich auszuprobieren, um Extreme zu testen, um auch mal auf die Schnauze zu fallen und von alleine wieder aufzustehen…

      Die Alten müssen lernen, loszulassen und nicht länger durch Gesetze einen künstlichen Dämmerzustand aufrechtzuerhalten, der so einfach nicht der Natur des Menschen entspricht.

      Die Natur wird sowieso durchbrechen. Und ich glaube ehrlich gesagt, dass die wahre Natur des Menschen, wenn er nicht von kleinauf konditioniert, bevormundet und zensiert wird, weitaus edler ist als das, was man heute auf den Straßen so herumlaufen sieht.
    • Vielem würde ich zustimmen, glaube ich.

      Dian wrote:

      Seit unzähligen Generationen wird den religiös dogmatisierten Menschen vorgeschrieben, dass Sexualität etwas Schmutziges ist, für das man sich schämen muss, und das man nur heimlich im stillen Kämmerlein ausleben darf.

      Eine Anmerkung: Prüderie, wie wir sie aus den letzten Jahrhunderten kennen ist eher eine Erscheinung der Neuzeit?
    • '"'"' wrote:



      Eine Anmerkung: Prüderie, wie wir sie aus den letzten Jahrhunderten kennen ist eher eine Erscheinung der Neuzeit?

      Ja, durchaus. Viele radikale Einstellungen, die wir heute so kennen, kommen aus jahrhundertelangen Entwicklungen. Der Papst war zum Beispiel sehr lange einer von vier mehr oder weniger gleichberechtigten "Großbischöfen"; die anderen drei kamen aus Antiochia, Alexandria und Konstantinopel. Ab dem 7. Jahrhundert wurden Alexandria und Antiochia muslimisch, der Machtkampf zwischen dem römisch-lateinischen Papst und dem griechischen Patriarch ging bis zum "Großen Schisma" (Trennung, Teilung) im 11. Jahrhundert weiter. Für unfehlbar wurde der Papst tatsächlich erst im Jahr 1870 erklärt, vom 1. Vatikanischen Konzil - unter anderem als Reaktion auf den anti-katholischen Kampf des protestantisch-preußischen Bismarck.
      Sex war im Judentum noch keine große Sache. Mit etwa 14 wurde man verheiratet und hatte dann auch möglichst bald möglichst viel Nachwuchs zu zeugen, wegen der hohen Kindersterblichkeit. Die Männer durften mehrere Frauen haben und das berühmte "Gehet hin und vermehret euch" ist das erste Gebot der Bibel und wird noch etwa zehn mal im alten Testament wiederholt. Nur die weibliche Periode war damals schon igittigitt. Und natürlich sollte die Frau noch keinen Sex vor der Ehe gehabt haben; das hatte auch erbschaftsrechtliche Gründe, der Mann musste sicher gehen, dass sein Sohn tatsächlich von ihm ist.
      Jesus hat dann das eher laxe, pro-männliche Scheidungsrecht nicht so gut gefallen und Wert auf die Familie gelegt. Das war auch einer der Gründe, warum das Christentum im Römischen Reich Staatsreligion wurde. Durch das unkomplizierte römische Scheidungsrecht (noch leichter als heute und hier auch für Frauen) sank die Geburtenrate. (Außerdem musste man sich nicht beschneiden lassen, um Christ zu werden.)
      Das Zölibat geht auf eine Empfehlung(!) des Apostels Paulus zurück ("Ich wünschte, alle Menschen wären [unverheiratet] wie ich [Paulus]. Doch jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so." 1. Korinther 7,7), er wollte, dass Priester sich nicht von weltlichen Dingen wie Sex ablenken lassen, sondern sich ganz auf Gott und die Verbreitung der Guten Nachricht konzentrieren. Paulus dachte aber auch, dass es die Menschheit in ihrer jetzigen Form eh nicht mehr lange gibt, deswegen war das noch nicht so wichtig. Das Zölibat wurde auch erst im Laufe des Mittelalters immer mehr durchgesetzt. Zuletzt, und damit sind wir jetzt in der Neuzeit, nachdem die Kirche durch die Abspaltung der Protestanten einen Machtverlust erfuhr und sich radikalisierte.
      Um sich voneinander abzugrenzen, entwickelten die beiden Konfessionen dann unterschiedliche Sexualethiken. Sehr lustig hat das Monty Python zusammengefasst:
      Katholiken: Every Sperm Is Sacred
      Protestanten: The Protestant View - Das ist im Film "Der Sinn des Lebens" ("The Meaning Of Life") direkt die nächste Szene.
      Ich wünschte, Gott würde noch leben, um das zu sehen. - Homer Simpson
    • ich will ja jetzt nicht überall meinen senf abgeben, aber in diesem zusammenhang fehlt noch die (nur in der englischen kinoversion veröffentlichte) szene mit martin luther als garnicht so prüdem kinderschänder/sexbesessenem. das ging den verantwortlichen dann wohl doch zu weit, um es in deutschen kinos oder gar im fernsehen zu zeigen. aber wenn monty python zu weit gehen, wirds normalerweise immer ganz besonders interessant, finde ich ... phatgrin

      ausschnitt aus der englische kinoversion mit deutschen untertiteln (ein dank an yt-user finsterlich):

      Anarchisten in der Schweiz | SF Tagesschau | 2:24min
      youtu.be/K7bouKvM7hs
    • "ok, you just want to see the spoons..." rofl michael palin is der geilste von allen. auch bzw vor allem als pontius pilatus, ex-leprakranker, grüner ritter, dead-parrot verkäufer, jabberwocky-besieger und im sinndeslebens-gevattertod-sketch als skeptische ehefrau im kleid... :D :D

      dann fang ich mal an zu lesen in ...

      sammy jenkins wrote:

      Sprichwörtern, Politik, Filmen und Bücher, die nur auf deinen Senf warten
      :thumbsup:
      Anarchisten in der Schweiz | SF Tagesschau | 2:24min
      youtu.be/K7bouKvM7hs