Sich selbst zerfleischen

  • Es wird wohl auch nicht helfen, wenn ich dir sage, dass du in meinen Augen (und nicht nur durch meine) ein korrekter Mensch bist.

    Ich, der alle hasst, möchte das auch noch mal mit Nachdruck bestätigen! Mark erschien mir immer sehr korrekt und als jemand, mit dem man gut connecten kann. Leider kommt jener Menschenschlag in dieser verkorksten Welt eher weniger gut an, was echt schade ist, aber ganz sicher kein Grund, sich davon runterziehen zu lassen. Vielleicht ist das längst schon passiert, dann war das aber tatsächlich ein Move, für den man sich vollkommen zurecht in die Ecke stellen und schämen sollte!


    Lass dich nicht von der Welt in ihr Regelwerk pressen. Mach es umgekehrt. Der Mark regelt das!

  • Ich danke euch dreien für euer Lob.


    Wahrscheinlich ist an eurem Lob etwas wahres dran, eines der eher gelungenen Sachen meiner Prägung war, dass ich gelernt habe, diplomatisch zu sein und gute Menschen an mich zu binden, indem ich sie schlichtweg gut behandle. Das ist keine höhere Mathematik oder Philosophie, jedoch gleichzeitig auf dieser Arschlochwelt offenbar nicht selbstverständlich.


    Beispielsweise habe ich über Hansi einen sozialistisch eingestellten Anwalt kennengelernt, der ein sehr (zu) großes Herz hat. War gestern bei ihm. (Musste etwas faxen, Krankenkasse schikaniert mich, sowas halt.) Für mich war es selbstverständlich, da etwas Geld hinzulegen - dieses Geld ist ohnehin um einiges weniger, als man beim 0815-Anwalt bezahlt. Dann berichtete mir der Anwalt, dass viele Menschen seine Gutmütigkeit für selbstverständlich halten und nie Kohle auf den Tisch legen. (Er hat es natürlich anders formuliert)


    Ehrlich, da krieg ich Wut-Akne. Sowas ist einfach schäbig. Gute Menschen nutzt man nicht aus.


    PS: Starkes Wortspiel!

  • Unmensch

    (Die Frage ist: wieso glaubst du, dass du in irgend einer Weise minderwertig bist?)

    Das ist kein nach einer sorgfältigen und nüchternen Abwägung gewonnener Glaube. Depressive halten sich leider oft für minderwertig. Und ein wenig beißt sich dann die Katze in den Schwanz, denn weil ich chronisch depressiv bin, habe ich eben - trotz großer Mühen - insgesamt weniger erreicht als viele Andere in meinem Alter. Eigentlich weiß ich, dass die Lebensleistung nicht automatisch über den Wert eines Menschen bestimmt. Eigentlich.


    (Und ist das zu ändern?)

    Ja. Ich gebe mir echt Mühe. Aktuell muss ich 100€ für jede Therapiestunde bezahlen, weil die DAK-Gesundheit (Schlechteste Krankenkasse lt. meiner Therapeutin - und das habe ich schon oft gehört) meint, abhitlern zu müssen und mir meine Therapie nicht zu bezahlen. Und obwohl ich nicht reich bin, gehe ich wirklich oft zur Therapie (und bleche jedesmal 100€).


    (Willst du das ändern?)

    Ja, ich gebe mir wirklich Mühe.


    (Solltest du aber konkret die Defizite kennen, die dich unglücklich machen, dann solltest du sie angehen. Gerne auch mit Unterstützung.)

    Alles ist interpretierbar und Glück und Unglück sind hochgradig subjektive Phänomene. Es gibt Menschen, die würden die 100€, die ich für eine Therapiestunde bezahle, einfach in einen Puffbesuch investieren. Oder in einen Pizzeria-Besuch. Fußballstadion, whatever. Jedenfalls: Schon würden sie Glück empfinden. Andere haben trotz Reichtum und Fame ihr Glück nie gefunden. (Amy Winehouse kommt mir hier in den Sinn. Ich fand die Frau toll.) Jedenfalls, ich denke, es liegt zum großen Teil an der Depression. Wenn ich gerade Zeiten habe mit wenig Depression, erscheint mir alles schon in einem deutlich versöhnlicheren Licht.

  • Bist du denn in deinem Leben ansonsten zufrieden? Ich weiß, dass es widersinnig erscheint, dies einen Depressiven zu fragen, doch wenn du eine Unzufriedenheit unabhängig von deinem Krankheitsbild benennen kannst, dann scheint es mir sinnvoll, vielleicht einen anderen Lebensweg einzuschlagen. Nicht Wenige werden überhaupt erst krank, weil sie ein Leben führen müssen, das ihnen so komplett fremd ist, aber sie halt trotzdem gehorchen und nach den Regeln spielen. Und irgendwie scheinst du durchaus dort mit hineinzufallen, wenn du dich sogar vergleichst mit anderen, die mehr "erreicht" hätten als du (was man ja per se gar nicht mal definieren kann). Die könnten den Obdachlosen unter der Brücke verehren, weil er halt wirklich frei ist. Ihnen bleibt trotzdem nur ihr Schmerzensgeld zu nehmen und am nächsten Tag wieder brav zu ihrem Job zu dackeln. Ausbrechen trauen sie sich nicht, ihre Unglücklichkeit überspielen sie. Das sind dann diese Typen, von denen man 10 oder 20 Jahre später hört, wenn sie erzählen, dass sie früher alles hatten; hohe Positionen, viel Geld und größtes Ansehen. Heute Burnout, weil sie das eigene Ich halt irgendwann doch eingeholt hat. Meist leben diese Menschen dann völlig minimalistisch und sagen von sich, dass sie nun viel glücklicher sind.

    Im Grunde kaufst du dir mit deinen 100 Euro ja auch nur eine Stunde ausbrechen. Wenn dir das hilft, mach es weiter. Du sagst selbst:

    Es gibt Menschen, die würden die 100€, die ich für eine Therapiestunde bezahle, einfach in einen Puffbesuch investieren. Oder in einen Pizzeria-Besuch. Fußballstadion, whatever.

    Wenn das die Menschen glücklich macht, dann soll es so sein. Ich hoffe nur, es macht sie tatsächlich glücklich und es ist nicht nur eine kurzzeitige Betäubung wie bei einem Junkie. Der bildet sich ja auch ein, glücklich und zufrieden zu sein. Aber halt nur solange, wie er den Stoff intus hat. Danach fährt die Achterbahn wieder abwärts.


    Wieso vergleichst du dich eigentlich mit anderen? Was willst du von ihnen haben? Mir fehlen Vorbildcharaktere komplett. Messen tu ich maximal etwas, wenn ich Kuchen backe (und das passiert nie).


    Übrigens: solltest du mit deiner Krankenkasse unzufrieden sein, dann wechsele sie einfach. Anderswo gibt es nicht selten die besseren Konditionen. Habe ich auch schon gemacht, ist heute kein Ding. Eher sogar recht praktisch, die Waffen zu nutzen, die einem der Kapitalismus ungefragt vor die Tür gelegt hat.

  • es liegt zum großen Teil an der Depression

    Ich glaube auch das bei Depressionen die genetische Veranlagung eine große Rolle spielt. Ich habe auch immer mal wieder, ich nenne es mal leicht depressive Verstimmungen. Etwas zu tun, einfach nur weil mir das tun spaßt macht hilft mir dabei. Auch das Aufschreiben von diesen Gefühlen hilft mir bei der Einordnung und hat meistens den Effekt, das ich mich dabei schon etwas besser fühle. Musik/Krach selber machen hilft mir dabei auch sehr, so richtig mal die ganze Wut rausschreien oder so ähnlich. Yoga und Joggen bessert meine Stimmung temporär auch oft(:

    -- Liebe macht frei, Arbeit nicht immer! --


    Steckt nicht in uns allen ein kleiner Anarchist, Spießer, Kapitalist, Faschist, Kommunist, Individualist und Querdenker?

  • Eine Sache ist mir gerade noch eingefallen, aus irgendwelchen Gründen vergesse ich das oft. Weinen kann auch sehr befreiend und lösend wirken, zumindest bei mir. Oft kann ich das aber irgendwie nicht. Vermutlich weil es unmännlich und schwach ist :upsidedown: => das ist natürlich vollkommener Quatsch, aber irgendwie ist das so eingeprägt. Ich habe keine Ahnung ob das was bei einer heftigen Depression was bringt, wollte es aber mal erwähnen.

    -- Liebe macht frei, Arbeit nicht immer! --


    Steckt nicht in uns allen ein kleiner Anarchist, Spießer, Kapitalist, Faschist, Kommunist, Individualist und Querdenker?