Menschenbild und Gesellschaftsform

    • Ist doch klar, dass Herrschaftslegitimation in demokratischen Systemen so funktioniert, dass der Durchschnittsheini den Knüppel nur dann spürt, wenn's sein muss, und nicht ständig. Das wäre ja blödsinnig. Deswegen brauchen ja freiheitliche Gesellschaften, wie Chomsky ja schon herausgearbeitet hat, mehr und feingliedrigere Propaganda als repressive Gesellschaften ... weil die Gedanken von Leuten nämlich nicht so wichtig sind, wenn man die Mittel hat sie in Massen zusammenzuschlagen oder endgültig auszuknipsen. Wenn Leute tatsächlich am politischen Prozess durch Wahlen usw. beteiligt sind, ist es wichtig, sicherzustellen, dass sie richtig wählen bzw. durch die Wahlen die Kapitalinteressen der herrschenden Klasse nicht wesentlich beeinträchtigt werden.

      Grundsätzlich ist das Menschenbild im philosophischen Sinn hier aber zentral, weil die Frage ist, wie man selbst die Menschen so sieht. Leute, die eher ein Hobbes'sches Menschenbild haben, tendieren hat im Zweifelsfall eher zum Autoritismus als dazu, ihren Mitmenschen, die sie insgeheim oder offen verachten, zuzutrauen, selbstbestimmte, rationale Entscheidungen zu treffen.

      Und man arbeitet natürlich nicht in einem Gemeinwesen an Schlüsselstellen mit, das im Prinzip noch so wie der preußische Obrigkeitsstaat organisiert ist, wenn man nicht der Ansicht wäre, Menschen müssten überwacht und zu ihrem Glück gezwungen werden.

      Aber natürlich ist es großer Unterschied, ob 'alle Macht vom Volke ausgeht', Wahlen stattfinden, Ämter mit Zeitlimit versehen sind usw. als wenn man in einer klaren Monarchie oder Diktatur lebt, deren Staatsideologie auf dem Gottesgnadentum o.ä. basiert.

      Lonewolf wrote:


      P.P.S. Als kleiner Exkurs: Im Grunde ist die Corona-Krise ein Lehrstück dafür, wo uns Wissenschafts- und Expertengläubigkeit letzten Endes hinführt, wenn wir angebliche Notwendigkeiten von einem politischen Diskurs entkoppeln: In die technokratische Diktatur, in der vielleicht irgendwann Computer darüber entscheiden, was das Beste für uns ist. Letzten Endes wäre das die technische Verwirklichung des Jakobinertums: Die totale Herrschaft der Vernunft, in der Menschen notfalls 'auch dazu gezwungen werden, frei zu sein'. Das wäre tatsächlich eine Form der Macht, die nicht von einem pessimistischen Menschenbild ausgeht.
      Das ist doch in dem Fall gerade nicht der Fall, da es ja darum geht, eine Katastrophe zu verhindern. Die Dinge werden doch z.B. durch die Expertise vom Durchschnittsdödel verzerrt, der im Prinzip von der Kapitalfraktion verarscht wird. Ist doch in der Klimafrage dasselbe. Ist es ziemlich klar, was getan werden muss, um die Erwärmung zu verhindern, genau wie es klar ist, wie man 'ne Epidemie eindämmt. Das ganze wird nur verwaschen, wenn man verschiedene Gruppen mit verschiedenen Partikularinteressen unterschiedliche Prioritäten setzen.

      Und das ist immer ein politischer Diskurs, kein Expertendiskurs. Die Gefahr besteht darin, dass politische Ideologie als naturgegeben bzw. alternativlos verkauft wird und das auch geglaubt wird. Aber Viren (oder Asteroiden, die auf die Erde stürzen, oder Supervulkane, die ausbrechen) haben keinerlei politische Agenda.
    • " Ist es ziemlich klar, was getan werden muss, um die Erwärmung zu verhindern, genau wie es klar ist, wie man 'ne Epidemie eindämmt. Das ganze wird nur verwaschen, wenn man verschiedene Gruppen mit verschiedenen Partikularinteressen unterschiedliche Prioritäten setzen."

      Ich wüsste nicht, wo dies dem widersprechen sollte, was ich geschrieben habe. Wenn alles 'klar' ist und Partikularinteressen nicht mehr zählen, dann sind wir mitten angelangt in der Diktatur der 'Vernunft' bzw. der 'Vernünftigen'.
      Why do we fall?
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      Trotz aller Kritik sind die heutigen westlichen Gesellschaftsformen die besten, die überhaupt funktionieren können.
      Da sich der Kapitalismus immer wieder sich neu erfunden hat und seine Fehler, wie durch Updates beheben tut.
      Dies war möglich durch den freien Meinungsaustausch und durch Forschung außerhalb von Ideologien. So sind viele Säulen der heutigen Gesellschaftsform im Laufe der Zeit gewachsen und haben sich gefestigt. Es hat alles mit dem Wirtschaftswunder angefangen, aufeinmal hatte man einen nie erreichten Wohlstand, doch dieser Wohlstand hat mit der Zeit zu anderen Problemen geführt, wie die massive Umweltverschmutzung und die Migrationsthematik, die in allen Gesellschaften der fortschrittlichen Länder das neue Problem was es zu lösen gilt ist. So hat der Kapitalismus die Möglichkeit für einen neuen Faschismus (Rechtspopulismus, AFD, Le Pen usw) in der Zukunft geschaffen und das ist die größte Gefahr die, die heutigen Gesellschaften im Inneren beschäftigen, weil es schonmal zu einer zivilisatorischen Katastrophe des Kapitalismus gekommen war und es immer dann der Fall ist, wenn der Motor des Systems nicht richtig funktioniert und die Wirtschaft stagniert und es zu Wirtschaftskrisen kommt.

      Das heutige System ist daher auch in dieser Thematik sehr vorsichtig, denn in unsicheren Zeiten kommt das triebhafte, oder wie es Staatstheoretiker und Philosoph Thomas Hobbes mit dem Wolf, den der Mensch in anderen Fremden Menschen sieht formuliert. Solange es aber vielen gut geht, Verhalten sich die meisten Menschen vernünftigt.

      Der Anarchismus hat sich in seiner praktischen Form mehr im Libertalismus und Liberalismus Wurzeln schlagen können und Ideen wurden in diesen Strömungen zu Entfaltung gebracht. Der linke Anarchismus wurde schon von Anfang an, vom Sozialismus und Kommunismus unterdrückt und hatte nicht die Möglichkeit sich in den Gesellschaften die neu Entstanden sind durchzusetzen, da diese Gesellschaften immer einen starken Staat hatten und es im Widerspruch mit anarchistischen Ansichten war. Der Kommunismus als politische Utopie ist gescheitert, weil der Kapitalismus mit seinem Luxus und Überfluss einfach die Menschen mehr angelockt hat, so mussten sozialistische Staaten ihren starken kontrollierenden Staat aufbauen, Mauern, Kontrolle usw, um Überhaupt lebensfähig zu sein, oder nicht seine ganze Bevölkerung durch Auswanderung zu verlieren. Gleichzeitig hatte der Kapitalismus, der immer auch viele andere Elemente von Staatsformen integriert und kein aggressiver wie in industrieller Zeit mehr ist, sich die Vorzüge von anderen Formen gesellschaftlichen Formen zu eigenen gemacht und soziale Sicherheiten geschaffen, die durch die Wirtschaft auch möglich waren zu finanzieren.

      Die heutige Gesellschaft ist aber auch von der Geschichte geprägt und der Konservatismus beeinflusst ebenfalls viel in der Gesellschaft, da dieser durch seine Geschichte und aus einem gewissen Wertekodex langsam aber entscheiden reagiert und den größten Einfluss auf die Gesellschaft hat, wie man z.B. in der Flüchtlingskrise sieht, spielt auch eine christliche Komponente eine Rolle und dann gleichzeitig noch der wirtschaftliche Aspekt, weil man auf Arbeitskräfte angewiesen ist, um den Motor des unendlichen Wachstums auf Hochtour zu fahren. Ich denke der Anarchismus lässt sich nur im kleinen gut gestalten, kontrolliert von einem Staat, der jedoch bei Einhaltung der Regeln nicht in die Verwaltung dieser Struktur sich einmischt, und ob es hier so eine Tradition, mag ich zu bezweifeln, vielleicht würde sowas aufgrund der Vergangenheit mehr in den USA gehen, oder in liberaleren Gesellschaften wie in den Niederlanden z.B., da würde so ein Konzept von der Tradition und Erfahrung der Demokratie auch leichter zu tragen sein und erfolgsversprechender sein.