'Weg zur Brücke' von Christina Maria S.

    • schreckgeist wrote:

      MiriOm wrote:

      Ich denke dass es bei ihr eine astreine Psychose war, aus der sie nicht mehr herausgekommen ist.
      Hmm, meinst du bezogen auf die Gedanken? Ich finde zum Teil sind ihre Gedanken extrem tief und zusammenhängend, genau sowas, auf was ich gedanklich stehe (minus die Suizidkomponente eben, weil ich das Leben mag).
      Ich hab den Begriff verwendet, weil er für mich bedeutet, daß man den Sprung aus der eigenen Tiefe nicht regelmäßig schafft (AbwärtsSpirale). Sie schreibt im Text auch was von Tiefe, und dass sie noch nicht ganz unten war...
      Je tiefer man in den eigenen Abgründen taucht, desto regelmäßiger sollte man auch wieder ans auftauchen denken.
      Du hast bestimmt schon was vom Tiefenrausch gehört. Höhenrausch /Tiefenrausch, die Faszination davon gibt es meiner Meinung nach auch in der Psychologie. Aber frag da besser jemanden vom Fach.
    • Ich weis nur daß Extremsportler den Kick brauchen, um sich total im Jetzt zu fühlen. Jeder Griff und Schritt entscheidet über Leben oder Sterben.
      Das sind demnach die Lebensjunkies.
      Ich frag mich ob sie vorher mal einen BungeeSprung probiert hatte. Sie äußert sich über das Schild irgendwie belustigend.
      Ohne Sicherung, sie wollte es eben doch endgültig machen.
      Was für eine Qual muss ihr Leben gewesen sein!

    • Leute, in dem Zeug da ist schon ein guter Schuss Kunst. Das ist ästhetisch aufpoliert oder verzerrt, je nachdem wie man das sehen will.

      Und, klar, sie hatte 'ne krasse Depression - ist halt leider so, dass man sich da konstant einredet, das die Dinge scheiße sind, auch wenn sie das nicht sein müssten. Und, klar, der objektive Schluss 'nichts ist von Dauer/wichtig, weil wir ohnehin ins Gras beißen müssen' klingt halt doch sehr viel überzeugender wenn man subjektiv massive Probleme auf der Gefühlsebene hat.

      Ihre eigene Isolation sieht man halt auch gerade bei den Zerrbildern von Depressiven, die sie an der einen oder anderen Stelle entwirft - die sind nämlich nicht notwendig anders als sie und haben nicht unbedingt mit anderen Problemen zu kämpfen, auch wenn sie's nicht so schön ausdrücken können.

      Was Traumata angeht, so weiß ich nichts von landläufigen schlimmen Sachen - aber natürlich reicht's bei vielen Leuten schon, wenn man keinen Ansprechpartner im Umfeld hat und sich nicht als zugehörig empfindet. Vor allem, wenn man 'ne genetische Veranlagung hat (was wir natürlich nicht wissen). Sie war ein Einzelkind, mit der religiösen Mutter gestraft und hat das ganze Leben am untersten Ende der sozialen Leiter in 'nem Bergdorf verbracht. Letzteres hat wahrscheinlich auch mit dazu beigetragen, dass sie sich an der Uni nicht wohl gefühlt hat.

      Und natürlich ist man doppelt aus der 'normalen Masse' ausgehoben und fühlt sich fremd, wenn man verdammt schlau ist, Interessen hat, die der Rest nicht teilt, und sich auch noch mit niemandem emotional verbunden fühlt.

      Eine der lustigsten Anekdoten, die ich eben erinnere, war ihre Überraschung darüber, dass man anderswo nicht erst noch mit dem Busfahrer tratscht, wenn man einsteigt - fragt, wie's geht, sagt, wo man hin will, was man so macht usw. - das war bei ihr üblich und normal ;-).

      Wenn man mich fragt, dann hatte Jan eigentlich versucht, gerade nicht ihr Freitodgefährte zu werden - wieso das in die Hose gegangen ist, ist schwer zu sagen. Der hatte ja auch genug eigene Probleme. Und von seiner Seite gibt's eben deutliche Anzeichen, dass da auf der Rückfahrt auf seiner Seite Überredung/Überzeugung nötig war. Ob sich das nur auf Termin oder Ort und Art bezogen hat - die Brücke war ja dann doch Christinas und nicht sein 'Sehnsuchtsort' - oder ob das eine generellere Sache war, lässt sich jetzt nicht mehr klären. Man kann aber wohl sagen, dass Jan mit der Sache deutlich mehr gerungen hat, als Christina - zumindest so weit ich das mitbekommen habe.
    • Jan hatte wohl auch einen ausgeprägten Beschützerkomplex in Beziehungen, ich vermute, da konnte er sie nicht alleine gehen lassen. Dass er stark nach Verbundenheit gesucht hat, war schon deutlich. Am Anfang war auch die Suche nach (für ihn) glaubhaften sinnstiftenden Modellen noch latent, bevor er immer mehr seinen Nihilismus zelebriert hat. Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung. 'Wie kann man so leben' war eine seiner typischen Aussagen mir gegenüber (bezogen u.a. auf das Aufgehen in bestimmten philosophischen Gedankenkonstrukten). Was konkrete Traumata angeht, weiß ich auch in Bezug auf ihn nicht viel. Aber er hatte wohl einige Konflikte mit seiner Umwelt im Filstal. Das ist auch gesellschaftlich 'ne ziemlich ekelhafte, bigotte Ecke in Schwaben, zumindest so wie ich es erlebt habe, sowohl unter Einheimischen als auch Zugewanderten.
      Why do we fall?
    • Lonewolf wrote:

      Jan hatte wohl auch einen ausgeprägten Beschützerkomplex in Beziehungen, ich vermute, da konnte er sie nicht alleine gehen lassen. Dass er stark nach Verbundenheit gesucht hat, war schon deutlich. Am Anfang war auch die Suche nach (für ihn) glaubhaften sinnstiftenden Modellen noch latent, bevor er immer mehr seinen Nihilismus zelebriert hat. Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung. 'Wie kann man so leben' war eine seiner typischen Aussagen mir gegenüber (bezogen u.a. auf das Aufgehen in bestimmten philosophischen Gedankenkonstrukten). Was konkrete Traumata angeht, weiß ich auch in Bezug auf ihn nicht viel. Aber er hatte wohl einige Konflikte mit seiner Umwelt im Filstal. Das ist auch gesellschaftlich 'ne ziemlich ekelhafte, bigotte Ecke in Schwaben, zumindest so wie ich es erlebt habe, sowohl unter Einheimischen als auch Zugewanderten.
      Ich erinnere mich noch an ein Erlebnis, als ich mit Jan und Dian auf Wanderung war und beide in eine Enge Höhle kletterten. Die Höhle war/ist wirklich scheiße eng, und ich habe Probleme in sehr engen Räumen, bekomme da Zustände. Ich wollte daher nicht mit da rein, darauf fragte mich Jan, warum ich nicht in die enge Höhle mit will. Es klang leicht danach, als würde er mein Problem nicht ganz nachvollziehen können. Ich habe ihn auch nur dieses eine Mal erlebt, daher weiß ich nicht, wie er sonst noch so drauf war. Aber schön, diese Erinnerungen hier zu lesen. Die Fotos im Kleinwalsertal sind übrigens auf meinem Mist gewachsen. Meine damalige 5-Megapixel-Digitalkamera, Baujahr 2005.
    • 12950 B.C. wrote:

      Lonewolf wrote:

      Jan hatte wohl auch einen ausgeprägten Beschützerkomplex in Beziehungen, ich vermute, da konnte er sie nicht alleine gehen lassen. Dass er stark nach Verbundenheit gesucht hat, war schon deutlich. Am Anfang war auch die Suche nach (für ihn) glaubhaften sinnstiftenden Modellen noch latent, bevor er immer mehr seinen Nihilismus zelebriert hat. Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung. 'Wie kann man so leben' war eine seiner typischen Aussagen mir gegenüber (bezogen u.a. auf das Aufgehen in bestimmten philosophischen Gedankenkonstrukten). Was konkrete Traumata angeht, weiß ich auch in Bezug auf ihn nicht viel. Aber er hatte wohl einige Konflikte mit seiner Umwelt im Filstal. Das ist auch gesellschaftlich 'ne ziemlich ekelhafte, bigotte Ecke in Schwaben, zumindest so wie ich es erlebt habe, sowohl unter Einheimischen als auch Zugewanderten.
      Ich erinnere mich noch an ein Erlebnis, als ich mit Jan und Dian auf Wanderung war und beide in eine Enge Höhle kletterten. Die Höhle war/ist wirklich scheiße eng, und ich habe Probleme in sehr engen Räumen, bekomme da Zustände. Ich wollte daher nicht mit da rein, darauf fragte mich Jan, warum ich nicht in die enge Höhle mit will. Es klang leicht danach, als würde er mein Problem nicht ganz nachvollziehen können. Ich habe ihn auch nur dieses eine Mal erlebt, daher weiß ich nicht, wie er sonst noch so drauf war. Aber schön, diese Erinnerungen hier zu lesen. Die Fotos im Kleinwalsertal sind übrigens auf meinem Mist gewachsen. Meine damalige 5-Megapixel-Digitalkamera, Baujahr 2005.
      Wie mir scheint, haben die beiden in vielerlei Hinsicht herausfordernd auf euch alle gewirkt ;)
      Devotionalien hier zu veröffentlichen (geiles Wort, danke @Dian), finde ich demnach super angebracht.
    • Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, sehe ich einen einzelnen Stern flackern und leuchten. Ich stelle mir aber vor, dass es ein Feuer auf einem ziemlich hohen Berg ist das sie angezündet hat, um zu zeigen dass sie ganz nahe ist. Sie sitzt da oben, auf der Spitze des Berges vor ihrem Feuer und philosophiert- diesmal über uns. Das ist meine persönliche Brücke zu ihr.

      The post was edited 1 time, last by MiriOm ().

    • Ein enorm tragischer Todesfall.

      Ich kannte die beiden User nicht, und beziehe mich aufgrund des Texts nur auf Ina.
      Tragisch, da eine Depression zwar gut behandelbar ist - aber gleichzeitig unfassbar tückisch.
      Beim Lesen habe ich irgendwann gefragt, ob da eigentlich irgendetwas nicht typisch für eine Depression ist. Da lagen die klassichsten Phänomene vor: Selbstabwertung, Antrieb und Motivation gemindert, Annahme von düsterer Zukunft, Nihilismus, Neigung zu Schuld- und Schamgefühlen, insgesamt sehr niedergedrückte Gesamtstimmung, und - tragisch - Suizidalität.

      Sie wusste von ihrer Depression und sprach sie mehrmals an. Traurig ist, dass man depressiven Menschen gut helfen kann, doch tückischer Weise glauben die Betroffenen nicht an die Hilfe oder eine bessere Zukunft. Die Wahrnehmung ist verengt und fokussiert auf das Negative, ein konsistenter dunkler Schleier umhüllt depressive Menschen.

      Bei effektiver Behandlung hätte sie den ganzen Wahnsinn auf der Erde wohl immer noch verachtet, aber es hätte Wege geben, dennoch Spaß an bestimmten Dingen zu haben, ein berechtigtes positives Selbstbild zu haben, Energie für den Tag zu haben, eine gute Grundstimmung zu haben.

      Gegangen ist meines Erachtens ein vom Leben arg gebeutelter Mensch, dem die Krankheit den Glauben an eine gute Zukunft verwehrte. Ein intelligenter und feinfühliger Mensch.