Sinnlos-Post #2 (Normalos/Fassaden)

    • Sinnlos-Post #2 (Normalos/Fassaden)

      Also, ich denk mir bei meinem einen Nachbarn manchmal scherzhaft "da kommt der Normalo", sobald ich seine Stimme ertönen höre. Aber wird ihm das wirklich gerecht? Wird das überhaupt irgendeinem Menschen gerecht? Ist ein Mensch nicht viel mehr als "normal"? An sich ist das ja auch nur eine Schublade, um es sich einfacher zu machen? Und was qualifiziert einen eigentlich als "normal"?

      Kurz anderes Thema:
      Aber was ich glaube ist, dass vieles bei vielen Menschen Fassade ist (oh, welche Überraschung). Mir kommt das manchmal so vor, als versuchen die Leute eine "perfekte Rolle" zu spielen, zumindest nach außen hin. Die Fehler (was zählt eigentlich alles als Fehler?), die Schattenseiten halt die werden geheim gehalten. Ja, eigentlich verständlich, wenn man diese ganzen Beißer draußen sieht, die sich an vermeintlichen Schwächen anderer festbeißen.
      Sind wir wirklich alle so abgeklärt und abgebrüht, wie wir vorgeben, zu sein?
    • Was qualifiziert den Nachbarn denn für dich als "Normalo"? Irgendein Indiz muss es dafür ja geben. Gibt es das nicht, ist dein Denken tatsächlich vorurteilsbehaftet.
      Dass du dir darüber aber Gedanken machst, zeigt wiederum dass du reflektiert in deinem Denken bist. Hätte man dir bei solchem Schubladendenken gar nicht zugetraut... so wie vielleicht dem Nachbarn auch nicht, der ganz anders wirkt, als es auf dem ersten Blick vielleicht den Anschein macht?

      Deshalb bleibt es für mich dabei: dumm ist, wer dummes tut. Macht man sich diesem Attribut nicht schuldig, dann hätte ich erst mal gar keine Meinung über den Anderen. Sie sind dann einfach nur da. Und ich hätte viel zu tun, mir über alle Menschen irgendeine individuelle Meinung zu bilden, nur weil sie da sind.
    • Ja das ist das Ding. Eigentlich qualifiziert ihn gar nichts zum Normalo. Nur in meinem Kopf anscheinend. Da war ein Bild eines Prototypen eines Normalos: Erwachsener, Kind, Frau/Mann, Haus, Garten, Job, Auto. Das ist aber völliger Schwachsinn, ihn gleich in eine Schublade zu stecken. Er ist bestimmt ein netter Typ. Man sollte sich nicht so über das nach außen Sichtbare ein einfaches Bild zusammenkloppen. Da find ich deine Einstellung gut: Mensch ist erstmal Mensch! Oder Unmensch. :D

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    • Celdur wrote:

      Und was qualifiziert einen eigentlich als "normal"?
      Nicht geisteskrank sein und überwiegend so drauf sein, wie die meisten anderen Menschen. Wenn die meisten anderen Menschen geisteskrank sind, ist auch ein Geisteskranker normal, weil es sich nunmal so gehört, geisteskrank zu sein !

      Celdur wrote:

      Aber was ich glaube ist, dass vieles bei vielen Menschen Fassade ist (oh, welche Überraschung). Mir kommt das manchmal so vor, als versuchen die Leute eine "perfekte Rolle" zu spielen, zumindest nach außen hin. Die Fehler (was zählt eigentlich alles als Fehler?), die Schattenseiten halt die werden geheim gehalten. Ja, eigentlich verständlich, wenn man diese ganzen Beißer draußen sieht, die sich an vermeintlichen Schwächen anderer festbeißen.
      Sind wir wirklich alle so abgeklärt und abgebrüht, wie wir vorgeben, zu sein?
      Das Thema finde ich sehr interessant. Schonmal was "Persona" und "Schatten" von Carl Gustav Jung gehört?
      Da geht es um die Rolle, die man bewusst oder unbewusst spielt, um unter Menschen leben zu können, sowie der Schattenseite, was den Teil der Persönlichkeit darstellt, der unter der Maske existiert. Naja so ungefähr jedenfalls =)
      Ich persönlich strebe ein "schattenfreundliches" Leben an, das mit so wenig Masken wie möglich auskommt. Unter anderem auch deshalb stört mich das Arbeitsleben, weil es dort besonders schädlich für mich sein kann, auf die Maske zu verzichten.
      Klar, auch im Privaten sage ich nicht immer exakt das, was ich wirklich denke. Ich finde aber, dass ich da mit meiner direkten Art näher rankomme als viele andere Menschen, die ich so treffe.
      Früher war ich übrigens wie du in bestimmten zwischenmenschlichen Situationen irrational nervös und versuchte mein mangelhaftes Selbstwertgefühl möglichst zu kaschieren.
      Je mehr man von sich selbst denkt, man sei nicht gut genug oder die eigenen Absichten/Gefühle etc. seien unangebracht, desto besser muss halt die Fassade sein, um das vor Menschen zu verbergen, von denen man nicht abgelehnt oder übervorteilt werden will. Wer sich aber nur nur hinter Fassaden verbirgt, verwährt sich halt auch die Chance, dass anderen gefällt, was dahinter ist und droht zu vereinsamen, bzw. ein ziemlich oberflächliches Leben zu führen, wo es nur darum geht, anderen zu gefallen.
      Daher kann es ziemlich hilfreich sein, sich selbst mal grundsätzlich zu fragen, warum man sich auf welche Weise verhält und für wen das eigentlich gut ist. Wenn man das Ganze nicht nur im stillen Kämmerlein vollzieht, sondern auch praktisch was ausprobiert und Feedback sammelt, kann sich so mancher überflüssige Knoten im Hirn lösen und es bleibt mehr Energie für schönere Dinge, abseits von sozialem Theater übrig.
    • Im Kern ist es dann doch die Sache, dass man sich so verhält, wie man sich verhalten will. Wie man eigentlich ist. Ohne Kompromisse. Authentizität. Nur so kann man andere liebe Menschen kennenlernen, die ähnlich ticken. Schließt man (Denk-)Kompromisse mit einer Person, besteht die Gefahr, sich von seinem eigenen Kern abzuwenden?

      @Ya:
      was arbeitest du denn? Arbeitest du mit (vielen) Menschen zusammen?

      Im privaten sag ich auch nicht immer das, was mir gerade in den Gedanken herumschwirrt. Total offen sein kann ich eigentlich nur in der Unity (gut, 100% Offenheit ist wohl trotzdem ein Ding der Unmöglichkeit). Aber dann wiederum die Frage: werde ich so je jemanden kennenlernen, der mir ähnlich ist und dem ich meine Gedanken ungefiltert mitteilen kann? Ich denke, das hab ich bisher versäumt und ich habe das Aussprechen von Gedanken in der Unity ggü Reallife strikt auseinander gehalten. Aber das ist ja dann wiederum mein Problem. Aber danke für den Denkanstoß....

      Ps. nein, noch nie was von "Persona" und "Schatten" gehört. Werde es mir aber mal anschauen bei Gelegenheit.

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    • Celdur wrote:

      Und was qualifiziert einen eigentlich als "normal"?
      Als "Normalos" würde ich einfach Menschen bezeichnen, von deren Sorte es zu viele gibt... bzw. die sich von Verhalten und Aussehen her so ähnlich zu sein scheinen, dass man an jeder Ecke einem von der Sorte begegnet.
      Beispielsweise die pubertierenden Jugendlichen, die ich neulich im Freibad beobachtet habe. Alle die gleiche Frisur, die gleiche Art zu reden ("Ey, Alter..."), und exakt das gleiche Balzverhalten gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Mit denen brauche ich nicht zu reden, um herauszufinden, welche Musik sie hören. Allein durch das Beobachten von ihnen kann ich mit 95 prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen, dass keiner von denen Klassik oder Metal hören wird, und vermutlich auch nicht Depeche Mode... :) Sondern die hören ihren Kanacken-Rap oder irgendeine vergleichbare Geschmackslosigkeit.
      Also wenn Menschen so sehr das Klischee bedienen, dass es schon beim Zuschauen weh tut, dann sind das für mich typische Normalos.

      Was mich hingegen immer freut ist, wenn jemand das Klischee bricht. Mal einem Schwarzen zu begegnen, der Hiphop scheiße findet. Oder einem Menschen vom Balkan zu begegnen, der zur Abwechslung mal keinen Balkanpop hört. Oder jemand, der von außen ganz langweilig und spießig aussieht, aber interessante Gedanken und politische Ansichten vertritt. Passiert nur leider viel zu selten, denn die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es eben bestimmte Phänotypen von Menschen gibt, die dann oft auch von vorne bis hinten einem bestimmten Klischee entsprechen, und die sich selbst meist auch gar nicht darüber im Klaren sind, wie viele es von ihrer Sorte eigentlich gibt... für die ist das einfach selbstverständlich, so zu sein, wie einen die Umgebung, in die man hineingebumst wurde, eben gemacht hat. Und da viele in der gleichen Umgebung aufwachsen, ticken auch viele ziemlich gleich. Menschen, die Sehnsucht nach mehr haben und ihrer Prägung zu entwachsen versuchen, weil sie wissen wollen, was ihrer wahre Natur entspricht, sind leider eher selten. Genau so wie Menschen, die sich lieber ihre eigene bunte Kultur schaffen, anstatt die ihrer Familie oder ihres "Volkes" zu übernehmen.
      Und diejenigen, die nach mehr streben, sind dann für mich eben keine Normalos mehr, sondern interessante Menschen... alle anderen können mich ehrlich gesagt auch im Arsche lecken.

      Ob die von mir beobachteten Freibad-Jugendlichen auch eine "Persona" und einen "Schatten" haben, weiß ich nicht. Ich befürchte aber, manche Menschen sind von innen einfach genauso hohl wie von außen.
    • Normalos sind für mich die, die in der habitablen Zone der Gesellschaft ihr Dasein frissten, nichts hinterfragen und den Trend des Mainstreams mitgehen, egal ob ihnen dieser gefällt oder nicht.

      Das Problem ist, wenn man diese Klischeebilder als Grundlage für sein handeln nutzt und Menschen dann alleine nach seinen eigenen gesetzten Maßstäben aburteilt. Ich finde schon, dass es sehr oft Leute gibt, die optisch gewisse Klischees bedienen aber damit nichts gemein haben.

      Ich werde oft genug als Metaller abgestempelt. Dabei bin ich PUNK und werde es immer bleiben und sein. Punk ist halt keine Modeerscheinung oder eine Stilrichtung sondern eine Einstellung. Einstellungen kann man zwar anhand von gewissen optischen Merkmalen erahnen, aber das sollte nicht ausreichen für eine Einschätzung. Damit kommst du über ein Vorurteil nicht hinaus.
      aber mein hirn ist doch müde ...... !!!!
    • Celdur wrote:

      Schließt man (Denk-)Kompromisse mit einer Person, besteht die Gefahr, sich von seinem eigenen Kern abzuwenden?
      Denkst du etwa, dein "Kern" sei eine unveränderliche Konstante? Also ich bin nicht mehr derselbe wie vor 10 Jahren... Wenn man sich nicht gerade dazu entschließt, ein autarkes Leben irgendwo in der Wüste zu führen, gibt es immer irgendwelche Kompromisse mit Menschen und gegenseitige Beeinflussungen.
      Neben dem unbewussten Zeug, wodurch man geprägt wurde, trifft man täglich Entscheidungen, durch die man sich definiert. Davon hängt dann eben auch ab, was akzeptable Kompromisse sind oder Selbstverleugnung.
      Die Fähigkeit, im Internet offen zu sein ist schön und gut, aber das bringt dir halt auch nicht mehr als Gespräche im Internet, wenn du es dabei belässt.
      Keine Ahnung ob dir mehr "liebe" Menschen zufliegen wenn du außerhalb des Internets 100% authentisch bist, wohl eher nicht.
      Trotzdem finde ich es sehr wichtig, dass man zu dem stehen kann was man sagt (egal wo) und auch damit leben kann,wenn es nicht jedem gefällt.
      Schlimmstenfalls wirst du Menschen los, die sowieso nichts mit dir anfangen können und bestenfalls erträgt dich jemand freiwillig.
      Dazu gehört natürlich auch eine gewisse Selbständigkeit, damit man nicht zu abhängig von anderen ist. So fängt das ja nicht selten an, dass man sich zu sehr verbiegen lässt, weil man halt irgendwelchen Zwängen ausgeliefert ist, für deren Überwindung man zu schwach ist oder so von sich denkt.
      Ich arbeite als Werktstoffprüfer in nem Labor, wo etwa 4-8 Menschen täglich um mich herumwuseln. Ich komme recht gut aus mit den Mitarbeitern, aber privat wollte ich bis auf wenige Ausnahmen mit keinem was zu tun haben und betone regelmäßig, dass ich den Scheiss nur fürs Geld mache. Wenn man das den falschen Leuten zu oft sagt, sägt man schon an seiner Geldquelle :D
    • Relevanter als die Frage, was jemand anders als "Normalo" qualifiziert, ist für mich die Frage, inwiefern man sich denn selbst dafür qualifiziert, kein "Normalo" zu sein. Klar, man kann sich auf Dinge wie Optik und Musikgeschmack beziehen... aber mal im Ernst, wir sind keine 16 mehr. In meiner Schule war es schon nicht "normal", in schwarzen Klamotten und mit langen Haaren rumzulaufen, und eine Zeitlang kann man sich auch damit zufriedengeben, sich durch die Angehörigkeit zu irgendeiner Subkultur anders als der "Mainstream" zu fühlen. Irgendwann kommt man eben drauf, dass sich auch vermeintliche kulturelle Abweichler eigentlich nur in einigen oberflächlichen Dingen von all den anderen unterscheiden. Unterm Strich funktionieren die meisten auf die eine oder andere Weise halbwegs gut in den gesellschaftlichen Verhältnissen bzw den Nischen, die sich bieten. Sofern wir also nicht von Menschen sprechen, die eine radikal andere Lebensweise als die meisten anderen führen - z. B. Einsiedler, Berufsverbrecher, Berufsrevolutionäre und andere Glücksritter - beläuft sich das "nicht Normalo Sein" eher auf ein Gefühl des Nicht-Dazugehörens, einen ständigen Riss, eine unüberwindbare Kluft. Zumindest ideell will man seinen Frieden mit der Gesellschaft nicht machen, auch wenn man in ihr lebt und von ihren Vorzügen profitiert. Die meisten Menschen, die ich bisher als Normalos bezeichnet habe, funktionieren und scheinen damit auch zufrieden zu sein. Sie erfüllen die Erwartungen anderer, zumeist so gut, dass sie sie für ihre eigenen halten.

      Ich würde eigentlich alle meine ehemaligen Schulkameraden in diese Sparte einordnen. Einer der normalsten unter ihnen, ein Sunnyboy, der eigentlich immer auf der Gewinnerseite war, solange ich ihn kannte, hat sich vor knapp einem Jahr das Leben genommen. Okay, ich hab ihn lange nicht mehr gesehen und weiß nicht, was in seinem Leben tiefgreifend geschehen ist, aber das Ganze deutet auf eine nicht eingestandene depressive Erkrankung hin, ohne dass ich hierzu wirklich mehr weiß.
      Mich hat das schon etwas irritiert, da er überhaupt nicht den anderen Suizidlern in meinem Umfeld ähnelte. Aber hier zeigt sich eben, dass Menschen auch unter ihrer funktionierenden, glücklichen Fassade ziemlich zerstört sein können. Und vielleicht sollten wir nicht immer so schnell sein mit unserem Urteil über anderen, nur um unsere eigene vermeintliche Außergewöhnlichkeit herauszukehren.