Der Weg des Kriegers

    • Lonewolf wrote:

      Vielen Dank für diesen Link.

      Ob man in der Lage ist, den Weg des Kriegers zu gehen, erfährt man wohl letztlich in Ausnahmesituationen und weniger im Alltag. Sicherlich sind die Ratschläge auch in Alltagssituationen nützlich, z. B. um gelassen und selbstsicher auf Probleme zu reagieren, aber am Ende erkennen wir den Kriegertyp primär angesichts schwerwiegenderer Herausforderungen.

      Transzendiere Zweifel und Angst
      Liebe alle Aspekte des Lebens.
      Sieh die Katastrophe als Chance.

      Einzig mit dem Wort "Liebe" habe ich hier meine Probleme. Schon die unbedingte Bejahung, die Nietzsche einforderte, fällt mir etwas schwer. Ich fühle mich hier Camus' Motiv der Auflehnung näher.
      "...Dieses Universum, das nun keinen Herren mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen diesen Gipfel vermag ein Menschenherz auzufüllen.
      Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

      Ich sehe dabei die Auflehnung nicht.

      Camus sagt doch auch: "..es ist Sein Stein...", also erkennt Sisyphos seiner Auffassung nach die Strafe an, vermeidet sie nicht, und lernt seine Aufgabe zu lieben. Darin liegt genau die Sinnwidrigkeit, in hoffnungslosen Situationen Kraft zum Weitermachen zu schöpfen.
      Für mich ist das mit der gleichen Hingabe verbunden, mit der ich auch Nietzsches Kapitulation des Geistes verstehe.
      Sisyphos war also meiner Meinung nach so ein Krieger, der seine Hürde oder Aufgabe als seinen Pfad anerkannte, nachdem er durch das Annehmen seiner Strafe (die Qualen des Lebens), diesem "Sprung ins Unbekannte", wie Osho sagte, oder "dem existenziellen Sprung" von Camus entsprach.
      So verstehe ich das zumindest. Ich muss aber auch gestehen, daß ich Nietzsche und Camus nicht besonders gut kenne und mich nur kurz reingelesen habe.

      Meine Favoriten im Bereich der Heldenreise sind übrigens "aktive Meditationen" (Osho, letzter Beitrag im "My Beloved Things" Thread, Findyournose).
      Sie sind sanft und sehr effektiv für den "westlichen Verstand".
      Der darin enthaltene "Latihan" erlaubt es dem Körperbewusstsein sich durch spontane, sanfte Bewegungen auszudrücken. Der Unterschied zum Tai Chi oder Chi Gong liegt also im "passieren lassen", und/ oder nicht einer "starren" Form oder Abfolge von einzelnen Bewegungsschritten (Muster) zu folgen und ist somit auf einer tieferen Ebene sehr heilsam.
      Die "Gourishankar" und die "Devavani" Meditation sind meine Lieblinge.
      Für keine dieser aktiven Meditationen benötigt man besondere körperliche Fähigkeiten oder Ausdauer, und sie sind wie gesagt sehr effektiv um Zugang zu seinem wahren Kern, dem eigenen Weg, dem eigenen Krieger/Held zu bekommen.


      mi san thrope wrote:

      Nur durch die Einsicht, dass man immer Fehler begehen wird, egal wie oft man versucht alles richtig und perfekt zu machen, kann man vielleicht den Frieden finden !
      Ja, das geht in die Richtung der Hingabe und der Vergebung. Einsichten gewinnt man durch Beobachtung. Fehler machen gehört also zum Leben dazu. Das ist der weglose Weg den man zu gehen hat.
    • Gerade Sisyphos verkörpert für mich die Auflehnung, wobei Camus natürlich erst später mit "Der Mensch in der Revolte" das Motiv des Kampfes ausführlich beschreibt. Ich denke aber auch, dass der Mythos bzw die mythische Sprache vielleicht etwas irreführend ist: Sisyphos (und die anderen mythischen Helden) weiß ja schließlich, dass er von höheren Mächten verurteilt wurde. Für den Menschen ist das Schicksal allerdings abstrakt. Erst im Aufbegehren gegen eine indifferente Welt entsteht die Kluft des Absurden. Die Sinnsuche ist eine ständige Tätigkeit, die aus dieser Konfrontation mit dem Schweigen des Himmels resultiert. Der Preis ist Lebensintensität, Freiheit, Aufgehen im Hier und Jetzt, und natürlich intensive Zwischenmenschlichkeit. Es gibt sehr viele kontemplative Bilder bei Camus, die auf eine Einheit mit der Welt abzielen - das Bad im Meer zum Beispiel - aber der absurde Mensch ist nicht einfach jemand, der sich nur in stummer Akzeptanz übt. Die Protagonisten in "Die Pest" kämpfen ja an gegen das Leid, anders als "Der Fremde" leben sie nicht in völliger Losgelöstheit von ihrer Umwelt.

      Das Verhältnis des Kriegers zum Schicksal bzw höheren Mächten ist immer ambivalent. Musashi sagt: Ehre die Götter und Buddas, aber verlasse dich nicht auf sie.
      Auch Conan ruft Kron nur einmal kurz an und bittet ihn um Beistand - fügt aber sofort an, dass er im Grunde auf seine Hilfe scheißt, sollte dieser ihn ignorieren.

      Liebe ist eben für mich in diesem Kontext ein sehr christlich klingender Begriff. Ich denke auch nicht, dass Sisyphos oder der absurde Mensch sein Schicksal "liebt". Wenn wir nicht in Verdrängung leben, erkennen wir zwangsläufig, dass diese Welt voller Schmerz ist und dass wir sehr wahrscheinlich emotionale Verwundungen erleiden werden. Der Weg des Kriegers ist, genau wie die existentialistische Lehre, eine mutige und stolze Bewusstwerdung der Finsternis, die uns umgibt. Christen würden sagen, dass es gerade angesichts dieser Finsternis der Vergebung durch einen Gott bedarf, da wir sonst in tiefster Verzweiflung verharren würden. Die Liebe ist somit die Bejahung der bewussten Schöpfung eines gütigen Wesens. Der Krieger erlangt seine Würde und seinen Lebenssinn allerdings nicht durch Unterwerfung, sondern durch Standhaftigkeit im Angesicht der Finsternis dank einer Stärke, die letztlich aus ihm selbst stammt - und nicht von metaphysischen Gewissheiten.
    • Hingabe hat für mich aber nichts mit Unterwerfung zu tun. Nicht einmal damit daß dies durch einen Impuls von außen kommt, sondern damit daß ein Akzeptieren und Annehmen durch erkennen der eigenen Göttlichkeit geschieht. Also auch nichts, was man durch bewusstes Denken oder Handeln herbeiführen könnte. Eher ist es so zu verstehen, daß der (Welten-) Schmerz an sich nur integriert werden kann indem ich ihn im Außen durchlebe, was wiederum die Aufgabe darstellt, alles im Inneren zu verankern.
      Ich lehne solche religiösen Verallgemeinerungen und Vorstellungen ab, denn wenn man keinen Bezug zu seinem göttlichen Ursprung durch Erleben hat, wird eine solche "Rückanbindung" erst notwendig, welche mich wiederum in meinen Erfahrungen eingrenzt und beschränkt.
      Deswegen verstehe ich auch nicht was Camus mit dem richtigen "Maß des Menschen" meint. (Bestimmt hab ich da nur was bruchstückhaft aufgenommen und muss mich damit noch mal eingehender befassen, einfach weil er sehr interessant ist...)
      Die Betonung liegt doch gerade beim Bushido auf dem Transzendentalen, welches die Wandelbarkeit der eigenen inneren Haltung und der Sichtweise auf die Dinge und den Schmerz der Welt darstellt?
      Ja, die Frage auf das große "Warum" sollte immer nur mit einem "Warum nicht?" beantwortet werden.
    • MiriOm wrote:



      Ja, die Frage auf das große "Warum" sollte immer nur mit einem "Warum nicht?" beantwortet werden.

      Damit kann ich mich wiederum identifizieren, ebenso wie mit dem Wort Hingabe.

      Ein anderes Zitat aus Camus' Frühwerk (das laut dem Autor selbst unter Vorbehalt zu betrachten ist, da er nicht immer die richtigen Worte für seine Gedanken und Gefühle gefunden habe): Das Leben verändern, ja, nicht aber die Welt, die ich zu meiner Gottheit machte.

      Unter dem Maß habe ich immer die Akzeptanz der Unergründlichkeit der Welt verstanden. Verantwortlich ist der Mensch hierbei nicht gegenüber Göttern und Schicksalsmächten, sondern gegenüber den Menschen (einschließlich sich selbst). (Auf politischer Ebene bedeutete das für Camus die Ablehnung von Tyrannei und Massenmord im Namen höherer Ideale, aber das ist für mich an dieser Stelle nicht so wichtig.)
      Die vermeintliche Sinnlosigkeit erfahren wir ja erst, wenn wir die Frage nach dem Sinn überhaupt stellen - die Kluft des Absurden tut sich auf. Nach Camus soll man diese Frage also durchaus stellen, aber man soll keine Antwort erwarten, sondern so leben, dass das Leben Sinn hat. Kampf um ein besseres Leben, bei gleichzeitiger leidenschaftlicher Hingabe an die Welt, so kann man es wohl umschreiben.